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Foto: Miron Kilian Nitsch 2003

 

Künstlerportrait
Er ist Chansonsänger, Schauspieler und Sprecher. Er singt eigene Lieder und die seines Vorbildes Georg Kreisler. International bekannt geworden aber ist  Karsten Troyke mit jiddischen Liedern.
Von Brigitte Biermann (Stuttgarter Zeitung vom 07. Juni 2008)

Ganz in Schwarz, Seidenhemd und Jeans, steht Karsten Troyke auf der Bühne und singt die
alten jiddischen Lieder von Kindheit und Frieden und Liebe und Tod. Guckt unterm schwarzen Hut verschmitzt, verzweifelt oder verwegen. Und die Zuhörer gehen mit, folgen begeistert seiner Aufforderung, den Refrain von "Tumbalalaika" zu singen - die über tausend im voll besetzten Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie und die vierzig in einem Off-Theater. Denn wenn auch die Texte immer leicht wehmütig, die Melodien in Moll erklingen, nach einem solchen Konzert geht man, mit sich und der Welt im Reinen, heim.
 
Troyke begeistert sein Publikum, ganz gleich, ob er allein mit Gitarre auftritt, begleitet vom Pianisten Götz Lindenberg, ob er mit dem russischen Trio Scho auftritt oder wie im vergangenen Jahr mit Bettina Wegner auf ihrer Abschiedstournee. Der Kerl hat Charme, vor allem aber eine wunderbare Stimme: mal tiefdunkel wie schwarzer Samt, mal rauchig wie eine Kneipe nach Mitternacht, mal zärtlich wie ein Sommerwind, dann wieder voller Lebenslust und Lebenskraft.

Mit 16 bekam er eine Gitarre. Er probierte eigene Melodien und spielte, "was nicht so kompliziert war": Folksongs von Joan Baez, Lieder von Bettina Wegner, jiddische Lieder, die er zu Hause hörte. Sein Vater Werner "Josh" Sellhorn, in der DDR bekannt als Erfinder der legendären Reihe "Jazz - Lyrik - Prosa", hat eine umfangreiche Plattensammlung.

1982, Karsten Troyke war 22 Jahre alt, trat er zum ersten Mal mit eigenen Songs und jiddischen Liedern öffentlich auf. Das internationale Flair, das jiddische Lieder vermitteln, begeisterte seine Zuhörer, kam doch in der Öffentlichkeit der DDR Jüdisches bis weit in die achtziger Jahre nicht vor. Die Evangelische Akademie, die er häufig besuchte, behandelte Themen, von denen sonst keine Rede war: Homosexualität, Einsamkeit, Tod, Fortschrittsglaube und jüdisches Leben. Dort lernte er Sara Bialas-Tenenberg kennen. Sie war als Kind in ihrer Heimatstadt Czestochowa im Ghetto, hat ein KZ überlebt, ihre Eltern wurden in Treblinka ermordet. Durch sie lernte er Jiddisch sprechen,  sie hat ihm "Vergessene Lieder" vorgesungen - so der Titel einer seiner CDs. "Außer diesen Liedern, es sind einige der schönsten in jüdischer Sprache, konnte sie nichts aus ihrer Kindheit in Polen mitnehmen. Wir sind noch immer befreundet, bei ihr habe ich das Gefühl,  sie schon lange zu kennen", sagt er. Sara Bialas-Tenenberg war auch dabei, als Karsten Troyke bei den ersten "Tagen der  Jiddischen Kultur"
1987 in Ostberlin auftrat. Sie waren der erste "Versuch einer Annäherung".

Klezmer ist Mode geworden, aber Troyke sieht das kritisch: "Viele Gruppen spielen amerikanische CDs nach. Sie sind gut, aber nachgespielt potenziert sich der kleinste Aussprachefehler." Er hatte sich nicht vorgenommen, jiddische Chansons zu singen, sein Interesse daran ist allmählich gewachsen. Er kaufte sich eine jüdische Grammatik mit kleinem Wörterbuch, schlug jedes Wort nach, das er nicht verstand. "Jetzt ist alles näher am Original, und vielleicht ist es gelungen, etwas ins Heute zu holen von der Lebendigkeit, dem Alltag, den Gefühlen der Menschen, die sie einst gedichtet und komponiert haben.
Erinnern bedeutet lebendig sein."

So steht es im Begleitheft der "Vergessenen Lieder". "Wer glaubt, Authentizität hängt davon ab, ob man Jude ist oder nicht, irrt", sagt er. Er muss ja auch keine Tauben im Park vergiften, um sehr vergnügt Lieder von Georg Kreisler zu singen. "Ich seh noch meine Mutter am Herd stehen und trällern: Lola mit den Engelsmienen, leg dich auf die D-Zug-Schienen, Lilli, Leni und Marianne starben in der Badewanne." Georg Kreisler schrieb ihm, nachdem er Troykes CD gehört hatte: "Sie interpretieren sehr originell und eigenwillig... Ihr Stil...lässt einen nicht mehr los, und man fällt immer wieder auf Sie zurück. Dazu möchte ich Ihnen ausdrücklich gratulieren und Sie ermutigen, es weiter so zu machen...Ich freue mich, dass Sie sich meine Lieder ausgesucht haben und bedanke mich dafür." Er gab in diesem Brief noch der Hoffnung Ausdruck,
Troyke zu erleben, aber nun ist Kreisler 85 Jahre alt, und es wird wohl nicht mehr dazu kommen.
 
Obwohl er von klein auf Sänger und Schauspieler werden wollte, hat er nie eine Schauspielschule besucht. Er nahm Klavier- und Gesangsunterricht, aber irgendeine Blockade hatte ihn daran gehindert, sich an einer Schauspielschule zu bewerben. "Dann hätte ich die achtziger Jahre hindurch Jugendliche spielen können, obwohl ich längst nicht mehr 18 war." Er sieht immer noch wesentlich jünger aus, als er ist. Im Sommer wird er 48 Jahre alt. "Ich hab Gärtner gelernt, das mach ich auch gerne", sagt er, zeigt auf das sprießende Grünzeug vor seinem Balkon, auf dem wir in der ersten Frühlingssonne sitzen: eine Oase unweit der Friedrichstraße.
 
Er lehnt sich zurück, blinzelt in die Sonne und erzählt von seiner Armeezeit an der thüringischen Grenze: "Ich hatte sehr schnell begriffen, dass ich unter keinen Umständen auf jemanden schießen kann. Natürlich gab es den Schießbefehl, das wussten doch alle!" Was wie ein Witz klingt, nimmt man diesem Mann ab: Er vergaß beim Pilzesuchen sein Gewehr im Wald, wohl das Schlimmste, was ein Soldat tun kann. Er musste für einige Zeit in eine Art Karzer, von dort aus ließ er seine Vorgesetzten schriftlich wissen, dass er weiteren Dienst an der Staatsgrenze ablehne. Man entfernte ihn diskret von seinem Posten. Seine Vorgesetzten wollten sich wohl unangenehme Fragen ersparen. "Danach hatte ich jedenfalls überhaupt keine Lust mehr, die Ideale meiner Eltern und Großeltern zu verfolgen und den Sozialismus aufzubauen. Ich wollte auch nicht mehr in einem staatlichen Betrieb arbeiten. Ich kriegte ja schon Pickel, wenn mir jemand vorschreiben wollte, welchen Radiosender ich höre!" Also blieb in der DDR als Arbeitgeber die evangelische Kirche.

Er wurde Erzieher für geistig behinderte Kinder in einem christlichen Kinderheim. "Nö, das war nicht hart, das war zauberhaft! Vielleicht ist es von außen betrachtet ungewohnt, wenn ein großer Mensch sich verhält wie ein Kind. Nicht die Behinderung war für die Kinder das Problem, sondern die Trennung von der Familie. Es gab sehr wohl schlimme Alkoholikerfamilien in der DDR und Leute, die es nicht geschafft haben, ihr Leben mit einem Kind zu regeln, auch wenn alle Arbeit hatten."Er hat sein Leben mit Kind gut geregelt. Sohn Miron ist heute 16 Jahre alt. "Er wohnt mit seiner Mutter da drüben, eine Straße weiter." Karsten Troyke zeigt mit der Camel in der Hand über seinen Garten. "Aber wir sehen uns fast jeden Tag und unternehmen viel miteinander." Als sich die Eltern trennten, galt nur eins: dem Kind klarzumachen,
dass es nicht Schuld habe an der Trennung.
 
Die Sonne steht hoch, und sein Aschenbecher ist voll. Daher die raue Stimme. Er wehrt lachend ab: "Die Stimme hatte ich schon mit 14, das kann ich anhand eines Tonbands beweisen. Wenn ich merke, dass mir das Rauchen Töne klaut, höre ich auf, weil ich Singen noch lieber hab als Rauchen. Bis jetzt hab ich nur Töne dazugewonnen. Ich quäle mich nicht, versuche nicht abzunehmen, jogge nicht. Ich bin überzeugt davon, dass ich 120 Jahre alt werde. Man muss sich nur oft genug sagen, dass man so alt werden möchte." Mit einem derart sonnigen Gemüt wird das wohl auch klappen. Er würde gern wieder mehr Theater spielen, Hörspiele sprechen und synchronisieren.

Mit dieser Stimme könnte er James Bond synchronisieren, es müsste nur jemand merken. "Und ich müsste mich mal drum kümmern."In den 90er Jahren habe er noch gut allein vom Singen leben können, heute höre man immer nur: Haushaltsperre. Das sagt er ohne Bitterkeit.
Bettina Wegner ist da empathischer, fragt man sie nach Karsten Troyke: "Er verdient große Säle, er ist eine Kerze, die an beiden Enden brennt!"
 
"Ach, ich hab 'ne tolle Wohnung, hoffe, dass ich die noch lange behalten kann. In jeder Hauptstadt der Welt ist so etwas mitten im Zentrum nicht zu bezahlen." Er hat sie von seinem Großvater übernommen, der Schauspieler am Brecht-Theater und "ein bisschen exponiert" war. Über seine Großmutter gibt es ein Buch von Ditte von Arnim: "Brechts letzte Liebe. Das Leben der Isot Kilian". Sie starb 1986, nur 61 Jahre alt. Daher sein zweiter Vorname Bertolt.

Das Zimmer neben dem Balkon ist vollgestopft mit Büchern, Schallplatten, CDs und Computerkram.Hier komponiert er, schreibt Lieder,
stellt CDs zusammen, hört Musik.

Gerade ist eine neue CD erschienen: "Tango oyf Jiddish" - wunderschöne tanzbare Lieder. Er ist gern allein mit Musik und Büchern. "Glück ist  vielleicht eine Form von Innehalten. Wenn erledigt ist, was ansteht, und ich plötzlich merke, es ist gerade alles ganz schön,
dann setze ich mich hin und bin glücklich."
 

Ausgewählte Discographie

Tango Oyf Yiddish
 
 15,99 Euro
Troyke ist ein wirklicher Interpret, ein Chansonnier mitten aus Berlin, er singt seine Tangos, Walzer und Milongas mitten in unser Herz: melancholisch, humorvoll, schmachtend, sehnsüchtig, verzweifelt, bewegend. Seine Kunst hat den besonderen Schimmer, diesen Glanz, den man nicht findet, wenn man krampfhaft danach sucht
 
       Hörprobe: La Casuta Dintre Gârle
 14,99 Euro
 
       Hörprobe: Zwischen Goldene Sangen
 14,99 Euro
       Hörprobe: Leg den Kopf Auf Mein Knie
 14,99 Euro
       Hörprobe: Shuloym Alaykhem
 14,99 Euro
       Hörprobe: Frühlingslied (Taubenvergiften)
 14,99 Euro
       Hörprobe: Bai Mir Bist Di Shain
 14,99 Euro
       Hörprobe: Junge Paare
 14,99 Euro
       Hörprobe: Berlin
 14,99 Euro

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